Roman
Klaus D. Doll
»Sie schreiben sehr genau.
Genau heißt: Sie lügen dort,
wo es sich lohnt.«
Der Roman
Peter Meier, Werbetexter in Hamburg, lebt davon, anderen Menschen ihre eigenen Ängste in Sätze zurückzuverkaufen, die sich besser anhören. Dann erreicht ihn die Anfrage einer Frau, die er nicht kennt. Lena Brandt hat noch wenige Monate zu leben, und sie will vier Texte: für ihre stille Schwester, für ihren Vater, für den Mann, mit dem sie fünfzehn Jahre lang nicht zusammen war, und für sich selbst.
Sie braucht jemanden, der genau lügt. Sie hat ihn gefunden.
Ein Roman über das Handwerk, die richtigen Worte zu finden – und darüber, was geschieht, wenn man sie endlich ernst nehmen muss.
Leseprobe
1. Authentisch
Das Wort, das sie an dem Morgen am häufigsten sagten, war authentisch. Elfmal, ich habe mitgezählt, wobei ich zugeben muss, dass ich ab dem achten Mal absichtlich zählte, weil ich etwas brauchte, das mich wach hielt.
Es ging um Nussmus. Eine Marke, die seit drei Generationen in einer kleinen Manufaktur südlich von Hamburg Haselnüsse mahlte und die nun, nach dem Einstieg eines dänischen Investors, ihre Geschichte neu erzählen wollte. Geschichte war das zweithäufigste Wort des Morgens. Storytelling das dritte. Ich saß am langen Tisch im Raum Spiekeroog, den Rücken zum Fenster, weil ich gelernt hatte, dass man niemals gegen das Licht sitzt, wenn Kunden im Raum sind. Kunden wollen das Gesicht sehen, aus dem das Vertrauen kommen soll. Das hatte mir Marek einmal erklärt, an einem meiner ersten Tage hier, und wie die meisten Dinge, die Marek sagte, war es zynisch genug, um falsch zu klingen, und zugleich zutreffend.
„Wir müssen das Handwerkliche betonen", sagte die Kundin. Sie hieß Frau Thyssen, und sie trug eine Brille, die vermutlich mehr gekostet hatte als mein Schreibtischstuhl. „Aber bitte nicht so nostalgisch. Eher – wissen Sie – zeitlos."
„Zeitlos handwerklich", sagte Kirsten aus der Kreation und nickte, als hätte sie einen Satz gehört.
Ich schrieb es auf, weil von mir erwartet wurde, dass ich alles aufschrieb. In Wirklichkeit schrieb ich: Zeitlos handwerklich = verlogen modern. Dann strich ich es durch, weil es wie etwas klang, das Marek schreiben würde, und ich wollte nicht klingen wie Marek. Ich wollte gar nicht klingen.
Ich war an diesem Punkt seit neun Jahren Werbetexter, und ich hatte in diesen neun Jahren gelernt, dass das Entscheidende nicht das Schreiben war, sondern das Hören. Nicht das Zuhören, das ist etwas anderes. Hören. Was Kunden sagen, und dahinter, was sie meinen, und noch weiter dahinter, was sie fürchten. Frau Thyssen fürchtete, dass ihre Nüsse zu bäuerlich aussahen in den Regalen der Feinkosthändler, neben schwedischen Crackern und japanischen Salzen. Sie fürchtete, dass Handwerk plötzlich nach Großvater roch statt nach Zukunft. Das sagte sie nicht. Sie sagte zeitlos.
Meine Aufgabe war es, die Furcht in Sätze zu übersetzen, die sie nicht mehr als Furcht erkennen würde.
„Wie wäre es mit seit 1923 in Bewegung", sagte ich. Ich sagte es so, wie ich solche Dinge sagte, halb beiläufig, als sei mir der Satz gerade erst eingefallen und nicht schon auf dem Weg in den Besprechungsraum. Ich hatte einmal versucht, Sätze vorzubereiten und sie dann mit dem passenden Zögern in den Raum zu legen, und es hatte funktioniert, und seitdem tat ich es.
Frau Thyssen ließ die Brille tiefer auf die Nase rutschen. „Das ist gut."
„Vielleicht", sagte die junge Frau neben ihr, eine Assistentin oder Praktikantin, ich hatte ihren Namen nicht verstanden, „vielleicht seit 1923 im Fluss? Weil, also, Mus fließt ja."
Es wurde kurz still. Dann lachte Frau Thyssen, und weil sie lachte, lachten alle, außer mir, weil ich schon wieder notierte. In Wirklichkeit notierte ich: sie wird es durchsetzen, weil sie gelacht hat, und sie hat gelacht, weil es peinlich war. So war es dann auch.
Wir arbeiteten bis halb eins. Am Ende hatten wir drei Claims, zwei Key Visuals im Kopf und eine Absichtserklärung, die ich in der E-Mail zusammenfassen würde. Frau Thyssen stand auf, schüttelte allen die Hand, und als sie mir die Hand schüttelte, sagte sie: „Sie sind sehr gut darin, zuzuhören."
Ich sagte: „Danke."
Dann gingen sie, und ich blieb noch einen Moment am Tisch sitzen, weil der Raum schön war. Spiekeroog hatte ein hohes Fenster, aus dem man auf den Fleet sah, dessen Wasseroberfläche im Oktober aussah wie ein Teller grauer Suppe, über den jemand Kupfer gestreut hatte. Ich blieb sitzen, bis Marek den Kopf zur Tür hereinsteckte.
„Na, du Flüsterer."
„Ich flüstere nicht."
„Du tust so. Das ist schlimmer." Er kam herein und setzte sich auf den Platz, auf dem Frau Thyssen gesessen hatte. Er nahm die leere Wasserflasche, die sie stehen gelassen hatte, und roch daran, als könnte er an Flaschen sehen, was jemand fürchtet. „Nussmus. Wirklich?"
„Wirklich."
„Und du hast seit 1923 in Bewegung gesagt."
„Hat sie genommen."
„Natürlich hat sie das genommen." Marek stellte die Flasche ab. „Weißt du, was mir an dir gefällt, Peter? Du verkaufst Leuten ihre eigenen Ängste zurück, und sie danken dir dafür mit einem Jahresetat."
„Ist das ein Kompliment?"
· · ·
Der Autor
Klaus D. Doll, geboren 1955, lebt im Rhein-Main-Gebiet und schreibt literarische Prosa. Die Architektur der Distanz ist sein Roman über das Älterwerden, die Genauigkeit der Worte und die Frage, wie man bleibt, was man werden wollte.
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